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Universal Monster Legacy 2 - Dracula DRACULA USA 1931, 72 min, FSK 12 Regie: Tod Browning Darsteller: Bela Lugosi (Dracula), Helen Chandler (Mina Seward), David Manners (John Harker), Dwight Frye (Renfield), Edward van Sloan (Prof. Van Helsing), Herbert Bunston (Dr. Seward), Frances Dade (Lucy Weston), Charles K. Gerrard (Martin) Der britische Immobilienmakler Renfield macht sich auf ins ferne Transsylvanien, um dem dort ansässigen Grafen Dracula ein Anwesen in England anzudienen. Dass die lokale Einwohnerschaft bei der Erwähnung seines Reiseziels praktisch kollektiv in Ohnmacht fällt, tut Renfield als simplen Aberglauben ab. Der Graf entpuppt sich als nicht uncharmanter Gebieter über ein heruntergekommenes Schloss und hat's mit Vertragsunterzeichnung und Abreise recht eilig, außerdem interessiert er sich verdächtig stark für Renfields blutenden Papercut-Finger. Ist auch kein Wunder, denn wie heutzutage jedermann weiß, ist Dracula ein untoter Vampir. Es bereitet ihm keine große Mühe, den willensschwachen Renfield unter seine mentale Fuchtel zu bekommen - als Belohnung für seine Dienste darf Renfield sich künftig am Blut von Insekten und anderen Kleintieren laben... Einige Zeit später wird an der englischen Küste ein Schoner angetrieben - die gesamte Besatzung ist tot, bis auf einen offensichtlich Wahnsinnigen, der in Dr. Sewards Sanatorium eingeliefert wird: Renfield! Dracula, selbstredend ursächlich verantwortlich für das Totenschiff, braucht sein Helferlein aber und sucht daher Dr. Seward auf (der günstigerweise für zukünftige Plotentwicklungen nicht nur eben das Sanatorium betreibt, sondern auch Draculas Nachbar ist). Für Dracula verbindet sich hierbei das Nützliche mit dem Angenehmen, denn Sewards Tochter Mina und deren beste Freundin Lucy machen den Grafen, pardon the pun, ziemlich spitz. Lucy ist schnell gebissen, unter die Erde gebracht und vampirisiert, bei Mina lässt sich der Blutsauger, ganz Geniesser, mehr Zeit. Zeit genug jedenfalls, um Seward Professor Van Helsing hinzuziehen zu lassen, dem schon Lucys Ableben iberisch vorkam. Van Helsing weiß Bescheid: hier ist ein Vampir am Werke. Speziell Minas Verlobter John Harker hält das zwar für ziemlichen Blödsinn, muss sich aber bald eines besseren belehren lassen. Da es Dracula dank seiner praktischen Fähigkeit, Hausmädchen und ähnliche Dienstbotinnen mühelos hypnosaften zu können, immer wieder gelingt, Van Helsings Schutzwälle aus Eisenhut (Knoblauch und Ilja-Rogoff-Pillen sind hier eher unnütz) zu überwinden und Mina immer stärker in seinen Bann zieht, muss auch Harker letztlich einsehen, dass der einzige Weg, Minas Leben zu retten, darin besteht, das Versteck des Grafen zu suchen und ihm dort einen Pfahl durchs Herz zu treriben... Der Film: Eigentlich hätte ich meine Abhandlung über die Universal Monster Legacy mit diesem Film beginnen müssen anstatt mit "Frankenstein", schließlich ist "Dracula" der erste der großen klassischen Universal- Horrorfilme. Das Studio hatte zwar bereits eine langjährige Stummfilm-Horror-Tradition, aber "Dracula" zementierte zusammen mit dem später im gleichen Jahr entstandenen "Frankenstein" den Ruf des Studios als DEM Top- Lieferanten, wenn's um stilvollen s/w-Grusel geht... Universal hatte bereits geraume Zeit ein Auge auf den Stoff geworfen. Der Briefroman von Bram Stoker feierte in einer Bühnenfassung (etwas, was der Autor selbst gerne gesehen hätte, ihm aber zu Lebzeiten nicht vergönnt war) Erfolge in England und Amerika, wo in der Broadway-Fassung ein unbekannter ungarischer Auswanderer namens Bela Lugosi Triumphe in der Titelrolle feierte. Universal-Boss Carl Laemmle, der zwar selbst Horrorfilme nicht sonderlich mochte, sich aber nicht zuletzt durch die Gruselstreifen mit dem "Mann mit den tausend Gesichtern", Lon Chaney (sen.) in Stummfilmzeiten eine goldene Nase verdient hatte, nahm den Stoff nach harten Verhandlungen speziell mit Bram Stokers Witwe (die war nach F.W. Murnaus unfreier Adaption "Nosferatu" vorgewarnt und hatte deutlich gemacht, in der Hinsicht nicht gerade eine angenehme Kirschmitvertilgerin zu sein) unter Option, auch wenn kaum jemand in Hollywood glaubte, die heikle Thematik an den Zensoren vorbeibringen zu können. Zu Lugosis Bestürzung, schließlich hatte er sich persönlich in die Verhandlungen zwischen Universal und Mrs. Stoker eingeschaltet, um die Autorenwitwe zu einem Preisnachlass zu überreden, trug Laemmle die Rolle aber umgehend Lon Chaney an, der unter der Regie von Tod Browning, der schon die memorabelsten Chaney-Vehikel inszeniert hatte, den Grafen spielen sollte. 1930 erlag Chaney unerwartet einem Krebsleiden, der Wettlauf um die Rolle war neu eröffnet. Universal ignorierte Lugosi, der die Rolle unbedingt spielen wollte, beharrlich, handelte sich aber von anderen Darstellern jede Menge Körbe ein, ehe die Produzenten doch noch auf den offensichtlichen Gedanken kamen, Lugosi zu fragen. Für eine lächerliche Gage (3000 Dollar, und das war in Zeiten der wirtschaftlichen Depression und Inflation nicht gerade viel Holz) schlug Lugosi, man könnte böswillig "rückgratlos" sagen, ein und die Dreharbeiten konnten beginnen. Mittlerweile hatte die Weltwirtschaftskrise aber auch die Universal Studios arg gebeutelt, und anstelle der von Horror-Fan Carl Laemmle jr. vorgesehenen Großproduktion, die sich werkgetreu an Stokers Romanfassung halten sollte, trat aus Kostengründen eine Adaption der amerikanischen Version der britischen Theaterfassung, die noch von einem ganzen Rudel Universal-Autoren inklusive Tod Browning selbst noch um- und neugeschrieben wurde, ehe Garett Fort, der später auch "Frankenstein" auf Spur brachte, das definitive shooting script verfasste. Womit wir die durchaus nicht unspannende Vorgeschichte aber auch mal abgehakt sein lassen wollen und zum Film, der für Universal eine Goldgrube war und Bela Lugosi kurzzeitig zum Top-Star machte, an sich kommen. Und da stellen wir schweren Herzens fest: "Dracula" ist erheblich schlechter gealtert als "Frankenstein"... Die größte Schwäche des Films ist die, für die er unter den gegebenen Bedingungen gar nicht mal so viel kann - "Dracula" wirkt über weite Strecken genau nach dem, was es ist - ein abgefilmtes Theaterstück. Man merkt dem Plot seine Bühnenherkunft an. Die Autoren der Theaterfassung standen vor dem Problem, den Roman so abzuändern, dass seine Handlung ohne größeren Aufwand (trotzdem gab's in mancher zeitgenössischen Theaterfassung wohl mehr Special FX als in diesem Film) auf der Bühne vorgetragen werden konnte. Und das heißt oft und gerne mal "words speak louder than action". Viel zu oft werden uns potentiell interessante Szenen nur von den Darstellern in der Rückschau erzählt (Draculas erster Besuch bei Mina, Renfields "Versuchung" durch den Grafen), anstatt dass sie uns tatsächlich in bewegten Bildern gezeigt werden. In der Filmversion begründen sich diese ausführlichen Erzählungen nicht nur aus der Theaterherkunft des Stoffs, sondern auch in Budget- und zensurbedingten Beschränkungen (so durften 1931 z.B. keine Ratten gezeigt werden, weswegen in Draculas Schloss eben keine Ratten, sondern Opossums und - völlig rätselhafterweise - Gürteltiere herumstrolchen). Die Story selbst entfaltet sich sehr langsam und eigentlich eher spannungsarm - der Zuschauer ist bekanntlich von Anfang an über Draculas wahre Identität als Vampir im Bilde und auch Van Helsing ist gleich nach seinem ersten Auftritt in der Geschichte auf dem richtigen Dampfer, es fehlt an echten Spannungspunkten. Die Charakterisierungen sind recht eindimensional, mit der löblichen Ausnahme Renfields, der auch nach seiner "Übernahme" durch Dracula der Fraktion der "Guten" noch wertvolle Hinweise gibt. Eine positive Überraschung ist, dass der obligatorische comic relief (in Form eines Hausmädchens und des Krankenpflegers Martin) stellenweise wirklich dezent witzig ist. Im Gegensatz zu "Frankenstein" kann "Dracula" nicht mit mehr oder weniger subtil eingearbeiter Gesellschafts- und/oder Religionskritik aufwarten. Browning und seine Autoren sind an derlei Eskapaden nicht interessiert, auch wenn sich durch Brownings sonstiges Werk wie ein roter Faden eine gewisse Sympathie für gesellschaftliche Außenseiter und/oder Deformierte zieht (siehe "Freaks") - die offensichtliche Chance, aus "Dracula" eine wirklich tragische Figur zu machen, scheint er nicht erkannt zu haben. Auffällig ist nur die recht deutliche "Klassentrennung", die der Film vornimmt - besonders Frauen aus niedrigeren gesellschaftlichen Schichten scheinen ganz speziell anfällig für Draculas vielfältige Hypnosetricks zu sein - ob Hausmädchen, Platzanweiserin im Theater oder Blumenverkäuferin auf der Straße, bei ihnen hat Dracs leichtes Spiel... Insgesamt lässt sich zum Drehbuch sagen, dass es keinesfalls herausragend ist und zudem durch einige Schnitte in der Post Production noch geschwächt wurde. Es erfüllt bestenfalls seinen Zweck. Ohne Tod Brownings Verdienste um den klassischen Horrorfilm herabwürdigen zu wollen (neben Chaney-Hits wie "Phantom der Oper" und dem 35er-"Mark of the Vampire" mit Bela inszenierte er 1932 auch den ob seiner jahrzehntelangen Aufführungsverbote legendenumwitterten "Schocker" "Freaks") - als Regisseur spielt er in einer anderen Gewichtsklasse als sein "Rivale" James Whale. Während Whales Weg ihn von der Bühne zum Film führte, war Browning anno 1931 schon ein Veteran aus Stummfilmtagen und einer, der mit den neuen Möglichkeiten, die ihm das Medium "Ton" eröffnete, nicht wirklich viel anzufangen wusste. Einige Filmhistoriker meinen, dass Browning regelrecht Angst davor hatte, Dialogszenen filmen zu müssen (oder einfach keine Lust darauf hatte. Schauspieler David Manners erinnerte sich später nicht mehr, ob Tod Browning bei seinen Szenen überhaupt am Set war) - Browning klebt am Stummfilmstil (weswegen Universal auch keine besondere Mühe hatte, für die Kinos, die noch nicht mit Tonequipment ausgerüstet waren, eine stumme Version des Films zurechtzuzimmern), was in Verbindung mit dem rein inhaltlichen Problem, der sklavischen Nachahmung eines Bühnenstückes mit ihren demzufolge eher limitierten visuellen Möglichkeiten, dafür sorgt, dass der Film für moderne Sehgewohnheiten sehr ermüdend ist (was "Frankenstein" z.B., obwohl auch dieser Film auf einer Bühnenadaption beruht, nicht ist. Man muss fairerweise aber sagen, dass "Frankenstein" grundsätzlich der "visuellere" Stoff ist, auch wenn "Dracula" aus literarischer Sicht der bessere Roman sein dürfte). In "Dracula" wird sehr viel geredet, und da Browning sich, wie geschildert, aus Dialogszenen nicht viel machte, sind die oft sehr langatmig anzusehen - die beteiligten Darsteller stehen halt irgendwo im Set und texten sich gegenseitig zu. Seltsamerweise ist die Kameraarbeit oft erstaunlich uninspiriert - seltsam deswegen, weil mit Karl Freund ein absolutes Genie hinter der Kamera stand, einer der ganz großen Filmexpressionisten, der u.a. Fritz Langs "Metropolis" fotografiert hatte und 1932 auch "Die Mumie" mit Boris Karloff abfilmen durfte . Nur selten setzt Freund seine charakteristischen tracking shots ein (wenn sie eingesetzt werden, sind sie gewohnt effektiv), eher öfter als seltener ist's ein simples point-and-shoot und manchmal sind die Bildkompositionen regelrecht schlampig. Dem Film fehlt insgesamt eine einheitliche künstlerische Linie - im Gegensatz zu James Whale, der sich für seine Frankenstein-Filme aus den verschiedenen "Filmschulen" die Rosinen pickte und diese nach Gutdünken zu seiner eigenen Vision zusammenbaute, wirkt "Dracula" konzeptlos zusammengewürfelt, ein expressionistisch angehauchter Schatten-Shot da, eine stummfilmdramamäßige Einstellung dort, und dann wieder eine Szene, die man einfach von einer Theaterbühne hätte abfilmen können. Eine besonders schlecht gelungene Sequenz ist z.B. diejenige, in der das Wrack des Schiffes, mit dem Dracula und Renfield nach England kommen, vom Hafenmeister und seinen Helfern untersucht wird, was ohne jegliche dramaturgische Begründung (und auch ohne jeden Effekt) aus einer Art statischen subjektiven Kameraperspektive mit lästigen voice-over-Dialogen gefilmt wird; eine völlig missratene Szene, die nur durch eine (improvisierte) Einstellung von Renfield mit irrem Blick gerettet wird. Ab und zu behilft sich Browning ganz offensichtlich damit, einen längeren Dialog durch ein Standbild zu "tarnen" und sogar zum später von Ed Wood zur Vollendung gebrachten Stilmittel des "Szenen-Recyclings" (d.h. die selbe Einstellung mehrfach zu nutzen) muss Browning greifen (beinahe schon eine künstlerische Bankrotterklärung). Auch wenn man es sich mit der These, die "guten Sachen" (wie z.B. die unwirklichen Beleuchtungseffekte für Draculas "Hypnoblick") wären von Karl Freund und die "schlechten" von Tod Browning, vermutlich zu einfach macht, schimmert schon durch, dass Regisseur Browning dem Film, vielleicht auch wegen der Nichtmitwirkung seines kongenialen Stars Lon Chaney, mit Unlust und Desinteresse, vielleicht sogar (technischem) Unverständnis wg. der Tonfilmproblematik gegenüberstand. Strukturell erbt der Film das ein oder andere Problem noch aus dem zugrundeliegenden Roman, z.B., dass die stimmungsvolle Auftaktsequenz in Transsylvanien nicht getoppt werden kann. Im Gegenteil, nachdem sich die Handlung nach England verlagert hat, schlingert der Film haarscharf an der Grenze zur puren Langeweile, die nur aufgrund die eingestreuten Dracula-Auftritte (nicht immer dramaturgisch sinnvoll begründet, aber wenigstens kommt der Titelcharakter so zu Screentime - im Roman findet er über ganze Kapitel hinweg nicht statt) nicht gänzlich überschritten wird. Allerdings ist klar festzuhalten - "Dracula" ist ein seeeeehr laaaangsaaaameeeer Film, wem also schon die im Vergleich dazu als Tempogranaten zu klassifizierenden "Frankenstein"-Filme zu lahm sind, sollte vor dem Genuss von "Dracula" eine Monatspackung Ritalin einwerfen. Womit wir schon beim nächsten Thema wären - "Dracula" kann man anno 2005 natürlich nicht mehr als "Horrorfilm" bezeichnen und selbst die aller-aller- zartbesaitetsten Gemüter müssen schon vor Filmstart zitternde Nervenbündel sein, um sich auch nur sanft zu gruseln. Wirklich "scary" ist an "Dracula" rein gar nichts mehr (der einzig halbwegs effektive "Schock", die - selbstverständlich außerhalb des Bildausschnitts stattfindende - Pfählung von "Dracula", lebt von der akustischen Untermalung, die in Wiederaufführungen nach Einführung des berüchtigten "Production Code" Mitte der 30er Jahre dann auch deutlich entschärft wurde). Der Streifen drückt sich um echte Tricks und Spezialeffekte (die parallel gedrehte spanischsprachige Version war auch in dieser Hinsicht etwas risikofreudiger). 1931 musste man eben den Schrecken noch nicht bildhaft zeigen, für das Publikum war schockierend genug, dass zum ersten Mal ein großer Film auf eine rationale Erklärung des Gezeigten verzichtete (in der Urfassung des Films sogar mit dem Gag, dass nach Filmende "Van Helsing" in einem Epilog den Kinozuschauern versicherte, dass "es solche Dinge wirklich gibt". Dieses kleine Gimmick ist leider verlorengegangen). Die Ausstattung des Films und die Sets sind aus Budgetgründen eher mittelmäßig - das transsylvanische Grafenschloß und seine Abtei-Ruine in England sind großartig und werden durch Glasmalereien ausgezeichnet vergrößert, der Rest des (in der relativen Gegenwart angesiedelten) Films spielt in nichtssagenden Bessere-Leute-Villen. Für "Dracula" wurde keine Filmmusik komponiert (die Produzenten waren damals der Ansicht, Musik, für die es im Filmkontext keine sinnvolle Erklärung gibt, würde das Publikum verwirren). Als Titelthema verwendet der Film Auszüge aus Tschaikowskys "Schwanensee", im weiteren Filmverlauf werden Franz Schubert und Richard Wagner bemüht. Zu den Schauspielern: Die Titelrolle (obwohl ohne gezeigte Fangzähne) gehört Bela Lugosi, er ist der Dracula, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Es ist sicherlich speziell unter Klassik-Horror-Fans eine Glaubensfrage, ob man der Lugosi- oder der Christopher-Lee-Fraktion angehört - mit dem, was Bram Stoker sich als Dracula vorstellte, hat weder der eine noch der andere auch nur entfernt etwas zu tun (Stoker stellte sich einen älteren Mann, einen eher abstoßenden Gesellen mit wildem Haarwuchs und üblem Mundgeruch vor; Murnaus "Nosferatu" ging sogar noch deutlich weiter als Stoker). Lugosi kann sich den Verdienst anrechnen, die Komponente "sexuelle Anziehungskraft" in den Dracula-Mythos eingebracht zu haben, etwas, was auch frühere Bühnenfassungen, die sich zumeist auf den "älteren Mann"-Aspekt konzentrierten, ignoriert hatten. Es mag aus heutiger Sicht lächerlich wirken, Lugosis im Wortsinne theatralischen Gesten und Posen eine erotische Ausstrahlung zuzubilligen, aber wir reden hier vom Zeitgeist des Jahres 1931, einer Epoche, in der es zwar weibliche "Vamps" gab, die ihre Sexualität verhältnismässig offen zur Schau stellten, aber * männliche * Erotik, * männlicher * Sex-Appeal, der schlechterdings darauf hinausläuft, gezielt Frauen auf einer sexuellen Ebene anzusprechen, das war anno dazumals noch unerhört und beinahe tabuisiert. So stellen Lugosis Blicke und Gesten eine kleine Revolution dar - hier zeigte sich ein männlicher Charakter mit seinem nur unzureichend unterdrückten sexuellen Verlangen nach einer Frau (oder auch einem Mann, Dracula ist, obwohl er sich prinzipiell an die Weiblichkeit hält, nicht wählerisch... sein Angriff auf Renfield im Prolog war denn auch dem ein oder anderen Produzenten ein Dorn im Auge. Erotik mochte ja gerade eben noch so durchgehen, aber angedeutete Homoerotik dann doch nicht. Zum Glück blieb die Szene in ihrer originalen Version erhalten und wurde nicht wie von den Studio Execs gewünscht, dahingehend entschärft, dass die drei Vampirbräute Renfield vampirisieren). Belas darstellerische Leistung ist eine deutlich seiner Theater-Routine geschuldete - er legt Bühnen-Pathos in die Rolle, macht große Gesten, wo (vom filmischen Standpunkt gesehen) eine kleine genügt hätte, aber es passt in dem Fall einfach, weil es irgendwo auch versinnbildlicht, dass Dracula zwar einigermaßen "unerkannt" unter Menschen verkehren kann, aber sich durch sein leicht übertriebenes Verhalten selbst in eine Außenseiterposition, eine Position des chronischen Verdachts, manöveriert. Ich würde nicht soweit gehen wollen, dass "Dracula" Lugosis beste darstellerische Leistung darstellt (es ist zweifellos seine denkwürdigste und karriereprägendste, aber rein schauspielerisch würde ich seinen Ygor aus "Son of Frankenstein" vielleicht noch etwas höher ansiedeln; aber Bela gab ja sowieso immer alles, auch wenn's ein fünftklassiger Güllefilm war). Der elf Jahre zuvor in den USA angekommene Ungar beherrschte die Sprache immer noch nicht richtig gut und sprach daher sehr langsam und vermutlich aus seiner Sicht sogar übertrieben deutlich, was seinen memorablen Lines wie "I never drink... wine" eine zusätzliche suggestive Note verleiht. Lugosi spielte die "Rolle seines Lebens" übrigens im Film nur noch ein einziges Mal, 1948 im Spoof "Abbott & Costello meet Frankenstein". Die Co-Stars sind größtenteils, von ihren Leistungen her gesehen, nicht wirklich der Rede wert. Helen Chandler, deren Hollywoodkarriere wenig später aufgrund unmässigen Alkohol- und Drogenkonsums strandete, gibt die Mina Seward zwar optisch reizvoll, aber unmemorabel - von ihrer Performance bleibt (außer einer etwas nervig tirilierenden Stimme - in der Originalsprachversion) nichts haften. Ähnliches gilt für David Manners, den ich schon in anderen Filmen (z.B. dem großartigen Karloff/Lugosi-Pairing "The Black Cat") für einen erstaunlich blassen "leading man" gehalten habe. Obwohl Manners schon einige Filme mit Chandler gedreht hatte, verbindet die beiden kaum greifbare chemistry, wobei man zu seiner Ehrenrettung erwähnen muss, dass das Script John (Jonathan) Harker über weite Strecken zu einer Randfigur relegiert, der außer zu einigen (ihn insgesamt etwas dämlich erscheinen lassenden) Sprüchen des Unglaubens nur noch im Showdown, und auch da nicht wirklich, gebraucht wird. Edward van Sloan gibt den Van Helsing als übertrieben akzentuierenden quintessentiellen Besserwisser (nicht nur hier erkennt man allerdings, wie dicht Mel Brooks in seiner Parodie-Neufassung "Dracula: Tot, aber glücklich" an der Vorlage geblieben ist). Darstellerisches Glanzlicht im Supporting Cast ist zweifelsohne Dwight Frye ("Frankenstein", "Bride of Frankenstein") als insektenvertilgender Renfield. Frye, ein vielseitiger Broadway-Schauspieler, der nach seinen Universal-Horrorfilmen unglücklicherweise auf die Nische "bekloppter Schurke" festgelegt wurde, liefert eine herrliche over-the-top-Vorstellung an, die den Zuschauer ohne weiteres an Klaus Kinskis beste Zeiten erinnert (nicht von ungefähr spielte Kinski den Renfield auch in Jess Francos "Nachts, wenn Dracula erwacht", ehe er später zweimal selbst den Grafen gab). Bildqualität: Wieder einmal ist Universal zu loben - der Print (4:3, Windowbox) ist für sein Alter ausgezeichnet. Der s/w-Transfer ist frei von Verunreinigungen oder Defekten, die Schärfed ist nicht überragend, aber mehr als zufriedenstellend, der Kontrast ausgezeichnet. Minimale Laufstreifen und ein leichtes Flimmern fallen am handelsüblichen TV-Gerät nicht sehr ins Gewicht, sondern stören hauptsächlich am feiner auflösenden PC-Bildschirm. Die Kompression arbeitet unauffällig. Ton: Nicht ganz so begeisternd ist dieses Mal der Ton ausgefallen. Der englische Originaltrack, allein schon wegen Belas einprägsamer Stimme vorzuziehen, plagt sich mit einem recht deutlichen Grundrauschen. Die Dialoge bleiben zwar größtenteils gut verständlich, der Rauschpegel tendiert aber doch dazu, dem Zuschauer mit fortwährender Laufzeit ein wenig auf die Nerven zu gehen. Die deutsche Sprachfassung ist rauschfrei, klingt aber sehr steril. Wie üblich liefert Universal vielfältige Untertitelungen mit. Extras: Das Bonusmaterial ist nicht von schlechten Eltern. Neben einer Galerie mit Produktionsfotos und einem Trailer findet sich die 35-minütige Dokumentation "The Road to Dracula", moderiert von Carla Laemmle (Nichte des Universal-Chefs und in "Draculas" Eröffnungsszene auch im Film zu sehen; sie hat die Ehre, die ersten Dialogzeilen in einem Horror-"talkie" aufsagen zu dürfen). Unter den interviewten Experten finden sich einmal mehr u.a. Make-up-FX-Guru Rick Baker, Horror-Autor- und Regisseur Clive Barker, dazu die Söhne von Bela Lugosi und Dwight Frye sowie ein Rudel Filmhistoriker. Die Dokumentation berichtet ausführlich und informativ über die Entwicklung des Stoffs von Stokers Roman über die Bühnenfassungen bis hin zum Film und geht auch auf die spanischsprachige Fassung ein. Der Audiokommentar befasst sich größtenteils mit den Unterschieden zwischen den verschiedenen Bühnen- und Drehbuchfassungen. Zu guter Letzt kann man sich den Film auch mit dem 1999 neu komponierten Score des Avantgarde-Komponisten Philip Glass ("Koyaanasquatsi") mit dem Kronos Quartet ansehen. Fazit: Wenn man sich "Dracula" heutzutage ansieht, wundert man sich doch ein wenig über den Impact, den der Film 1931 hatte, und über den enormen kommerziellen Erfolg, der Universal dazu anstiftete, sich in den kommenden Jahren verstärkt auf Horrorthemen zu konzentrieren. Der Streifen schlägt eine enorm betuliche Gangart an, ist handwerklich nicht immer auf der Höhe der damaligen Zeit und wirkt summa summarum ziemlich uneinheitlich, als hätten zwei verschiedene Teams gleichzeitig gearbeitet und ihre Resultate dann zusammengewürfelt (was gar nicht mal so abwegig ist). Brownings dem Stummfilm verhafteter Regiestil, Karl Freunds gelegentlich uninspirierte Kameraarbeit, das nicht weltbewegende Spiel der meisten Darsteller - das alles lässt auch aus filmhistorischer Sicht nicht unbedingt große Freude aufkommen. Nachdem sich nahezu alle Kritiker einig sind, dass die parallel in den gleichen Sets mit einem minimalen Budget gedrehte spanische Sprachfassung als Film besser ist, würde man sich wünschen, das dortige Kreativteam hätte auch das Kommando über die US-Fassung gehabt - Bela Lugosi hätte zweifellos einen besseren FILM verdient. Er und Dwight Frye sind aber zweifelsohne die auch heute noch sehenswerten Höhepunkte eines eher mauen Films... DRÁCULA USA 1931, 100 min, FSK 12 Regie: George Melford Darsteller: Carlos Villarías (Graf Dracula), Lupita Tovar (Eva), Barry Norton (Juan Harker), Pablo Álvarez Rubio (Renfield), Eduardo Arozamena (Van Helsing), José Soriano Viosca (Dr. Seward), Carmen Guerrero (Lucía), Amelia Senisterra (Marta), Manuel Arbó (Martin) Bis auf Nuancen verläuft die Handlung analog zur englischsprachigen Version mit Bela Lugosi: Renfield reist nach Transsylvanien, um mit dem Grafen einen Immobiliendeal unter Dach und Fach zu bringen. Nach einem seltsamen Abend wird Renfield in dieser Version von Draculas drei Bräuten angegriffen. Auf der Überfahrt nach England (hier ausführlicher) tötet Dracula alle Seeleute. Erneut wird Renfield als Wahnsinniger in Dr. Sewards Sanatorium eingeliefert. Dracula macht Sewards Bekanntschaft und lernt so Eva (Mina) und Lucía (Lucy) kennen. Lucía wird ohne großes Federlesen vom Grafen vampirisiert. Der rätselhaften Todesursache wegen lässt Seward aus der Schweiz den Fachmann Van Helsing anreisen, der sofort die Vampir-Theorie postuliert. Dracula besucht Eva und bringt sie in seinen Bann, wird von Van Helsing aber wieder mit dem Spiegel-Trick enttarnt. Durch seine hypnotischen Fähigkeiten und die Unterstützung von Renfield gelingt es dem Grafen aber immer wieder, in Sewards Haus einzudringen und Eva weiter zu "bearbeiten". Eva versagt bei der Vampirisierung Juan (John) Harkers und wird von Dracula in die Abtei entführt. Van Helsing und Harker schreiten zur Rettungsaktion... Der Film: Zur allgemeinen Entstehungsgeschichte der Universal-"Dracula"-Verfilmung von 1931 bitte ich beim Review zur bekannten US-Version mit Bela nachzuschlagen. Bereits damals war der lateinamerikanische Markt für die Hollywood-Studios sehr wichtig und das Aufkommen des Tonfilms bedeutete in dieser Hinsicht für die Produzenten Schwierigkeiten. Bei Stummfilmen war's ja denkbar einfach, fremdsprachige Versionen herzustellen, da musste man nur die Texttafeln übersetzen und ins Filmmaterial reinschneiden, aber bei "talkies" sah die Sache schon anders aus. Weil Synchronfassungen in den Urzeiten des Tonfilms als "Betrug" galten (schließlich sprechen in einer sychronisierten Fassung nicht die Schauspieler, für derern Darbietungen man Eintrittsgeld bezahlt hat... tja, wie sich die Zeiten dann doch ändern), gab es nur eine Möglichkeit - man musste den gleichen Film mehrmals drehen und, da die wenigsten Schauspieler Ultra-Sprachgenies sind, die im Alleingang den Weltmarkt abdecken können, mit anderer Besetzung und, aus Zeitgründen, anderer Crew. Das machten nicht nur die Amerikaner so, auch die deutsche Filmindustrie wandte dieses Mittel zuweilen an (so wurden vom utopischen Klassiker "Flugplattform FP 1 antwortet nicht" neben der hierzulande bekannten Hans-Albers-Fassung eine englisch- und eine französischsprachige Version gedreht, die auch inhaltlich einige Abweichungen aufwiesen). Die Betreuung der spanischsprachigen Versionen oblag bei Universal produzentenseits Paul Kohner, der sich eigentlich Hoffnungen gemacht hatte, die Verantwortung für das komplette Studio übernehmen zu dürfen, von Carl Laemmle aber zugunsten seines Sohnes ausgebootet wurde (zu allem Überfluss wurde Kohner dann, obwohl er "Drácula" im Alleingang produziert hatte, in den Credits auch noch betrogen. Carl Laemmle jr. schnappte sich, obwohl mit dem Film überhaupt nicht in Verbindung, den Produzenten-Credit und fand Kohner mit dem eines "associate producers" ab). Viel Geld stand nicht zu Verfügung - während Tod Browning satte 350.000 Dollar verbraten durfte, musste Kohner mit 66.000 Dollar auskommen; wobei fairerweise gesagt werden muss, dass seine Version die Sets der englischsprachigen Fassung nutzen konnte, diesbezüglich also keine Kosten anfielen. Als Regisseur wurde George Melford, ein routinierter B-Film-Regisseur, der u.a. auch die spanische Version des Univeral-Gruselklassikers "The Cat and the Canary" inszeniert hatte, angeheuert, der Cast setzte sich aus allerhand erfahrenen Akteuren aus verschiedensten spanischsprachigen Gegenden der Welt zusammen. Melford, der übrigens kein Spanisch sprach und sich mit seinem Team über einen Dolmetscher verständigte, und seine Crew hatten einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: nicht nur, dass sie nach Drehschluss der Browning-Fassung die Sets benutzen konnten, man hatte auch Zugriff auf die "dailies", konnte also sichten, was die rivalisierende Crew an diesem Drehtag zustande gebracht hatte, sich inspirieren lassen und vor allem überlegen, wie man "besser" sein konnte - denn das war von Anfang an der Ehrgeiz des spanischen Teams - besser zu sein als die US-Fassung. Die Frage, ob dieses Unterfangen gelungen ist, haben Filmhistoriker und -kritiker seit der Wiederentdeckung der spanischsprachigen Fassung mit einem eindeutigen "ja" beantwortet und auch yours truly, bekanntlich im Besitz der universellen Wahrheit, kommt zu selbigem Schluss. Insgesamt, Fazit vorweggenommen, ist der spanische "Drácula" ein wesentlich gelungenerer Film als "Dracula". Da die Story sich bis auf vernachlässigenswerte Details identisch zur englischen Version abspielt, brauche ich dazu nicht großartig auszuführen. Die grundsätzlichen Probleme des Scripts plagen auch den spanischen Film - er ist als Theateradaption recht geschwätzig, filmisch ungünstig strukturiert und leidet daran, dass Schlüsselszenen aus Budget- oder Zensurgründen nur von den Darstellern erzählt und nicht in bewegten Bildern gezeigt werden können. Aber halten wir uns nicht mit dem auf, was die "Spanier" genauso machen wie die "Amerikaner", sondern kümmern uns um die Unterschiede. Der frappierendste Unterschied zwischen den Filmen ist natürlich die Laufzeit - während die englische Fassung gerade mal auf 72 Minuten Laufzeit kommt, erreicht die spanische Version erst nach 100 Minuten die Ziellinie, was den Film zum längsten Universal-Monsterfilm macht. Fast eine halbe Stunde ist schon eine Menge Holz, da fragt man sich natürlich, wo diese Differenz herkommt. Es liegt jedenfalls nicht daran, dass die Spanier langsamer sprechen als die Amis... Es ist vielmehr Indiz dafür, dass die spanische Crew ihre Version sorgfältiger inszenierte und näher am Shooting Script blieb als es die US-Fassung tat (die auch noch nachträglich vielfältig beschnitten wurde). Das beginnt schon im Prolog in Transsylvanien, in dem die Rollen von Renfields Mitreisenden um einige Dialogzeilen erweitert werden und setzt sich in diesem Sinne fort - viele Dialogszenen, gerade solche, die in der US-Fassung etwas abgehackt wirken, sind hier vollständig und damit runder. So ist zum Beispiel das erste Gespräch von Seward, Van Helsing und Renfield im Sanatorium * wesentlich * ausführlicher. Juan (John) und Eva (Mina) haben eine zusätzliche Charakterszene, die ihre Beziehung vertieft und weniger oberflächlich erscheinen lässt als in der englischen Version. Auch das Duell des Willens zwischen Van Helsing und Dracula ist deutlich länger und (mit Abstrichen, auf die ich in der Schauspielerkritik noch eingehen werde) intensiver. Ironischerweise gelingt der spanischen Fassung dadurch etwas, was ihr von Rechts wegen nicht gelingen sollte. Durch die Verlängerung der Dialogszenen wird der Stoff, den ich schon in der wesentlich kürzeren englischen Version als "langweilig" klassifizierte, nun, nicht gerade zum Spannungskino, aber wesentlich flüssiger und angenehmer konsumierbar. Wie schon gesagt halten sich die inhaltlichen Unterschiede in Grenzen, einige wenige möchte ich aber dennoch ausführen, weil sie doch etwas über die Intentionen der jeweiligen Macher aussagen. Schon oben in der Inhaltsangabe erwähnte ich, dass in der spanischen Fassung nicht Dracula Renfield beißt, sondern des Grafen Vampirbräute, womit diese Version den leichten Anflug von Homoerotik entbehrt (in den erzkatholischen spanischsprachigen Gebieten wäre das auch sicher nicht sehr gut angekommen). Die Überfahrt nach England wird wesentlich ausführlicher geschildert - während die englische Version diese Sequenz nur aus einigen Stock-Footage-Schnipseln aus Stummfilmzeiten zusammenpfriemelte, geht die spanische Fassung ins Detail und macht völlig auch bildlich klar, dass Dracula für den Tod der Mannschaft verantwortlich ist. Interessant ist, dass Dracula in der spanischen Fassung nicht auf die Blumenverkäuferin, die er im englischsprachigen Film als kleinen Appetithappen aussaugt, trifft. Dafür scheut sich der spanische Film, im Gegensatz zur Lugosi-Fassung, nicht, die Bissmale der Vampiropfer zu zeigen. Der letzte gravierende Unterschied betrifft Renfields Tod, der in der spanischen Fassung etwas spektakulärer ist. Die spanische Fassung beinhaltet übrigens auch ein paar Schnipsel aus dem Lon- Chaney-Film "Phantom of the Opera". Die eigentliche Überraschung besteht darin, dass es George Melford und seinem Kameramann George Robinson (der von 1936 an etliche der "wichtigeren" Universal-Horrorfilme, namentlich z.B. "The Invisible Ray", "Son of Frankenstein", "Frankenstein meets the Wolf Man", und im Herbst seiner Karriere einige der Abbott & Costello-Komödien fotografierte) gelingt, auch * künstlerisch * das wesentlich renommiertere Duo Tod Browning/Karl Freund klar auszustechen. Robinsons an Freund orientierte tracking shots sind zwar ein wenig holpriger als die des großen deutschen Kamerakünstlers, aber insgesamt betrachtet macht die spanische Version einen wesentlich einheitlicheren, stimmigeren Eindruck als die oft seltsam uninspiriert hingerotzt wirkende englische. In den von Haus aus statischeren Dialogszenen ist die Kamera beweglicher, die Einstellungen selbst sind größtenteils glücklicher gewählt. Es mangelt der spanischen Version nur an den hochmemorablen Shots (wie bei der Entdeckung von Renfield im Schiff) - man kann vielleicht sagen, dass Freunds Bilder, wenn sie wirklich *GUT* sind, besser sind als die von Robinson, aber dafür eben das durchschnittliche bis schwache Material aus Freunds Hand wesentlich unerfreulicher ist als die immer ansehnlichen Bilder von Robinson - der im US-Dracula so augenfällige Kontrast von hochklassiger Freund-Kameraoptik und einfallslosem Stummfilm-Gekurbel, der dafür sorgt, dass der Film so zerrissen wirkt, fehlt hier erfreulicherweise. Der Film wirkt eben auch optisch runder und, dank des auch besser gesetzten Schnitts, moderner. Melford schreckt auch nicht davor zurück, parallel stattfindende Ereignisse parallel zu erzählen - es gibt beispielsweise eine Sequenz, in der sich gleichzeitig Seward und Van Helsing über das weitere Vorgehen unterhalten und Eva/Mina versucht, Juan/John zu beißen. Während Browning beide Ereignisse streng voneinander getrennt nacheinander schildert, schneidet Melford zwischen den Schauplätzen hin und her, was den langen Dialogszenen natürlich mehr Dynamik beschert. Des weiteren hat der spanische Dracula seinem anglisierten Kollegen einige nette Details voraus, z.B. dass der Vampir sein Opfer während der Attacke mit seinem Cape bedeckt. Auch besser gelöst als Browning und Freund haben Melford und Robinson den Effekt des aus seinem Sarg steigenden Vampirs. Während bei Browning sich der Sargdeckel langsam hebt, die Kamera wegschwenkt, dann zurück auf den Sarg hält und nun der Vampir in voller Größe danebensteht, wagt Melford mehr: er lässt die Kamera auf dem Sarg ruhen, Nebelschwaden aus ihm hervorsteigen und aus diesen schält sich die Gestalt des Vampirs. Deutlich eindrucksvoller. Stichwort "eindrucksvoll", an dieser Stelle kann man auch anmerken, dass die Kostüme der Damenwelt deutlich offenherziger sind als die züchtig-hochgeschlossenen Kleider der englischsprachigen Version (nur die Hochwasserhosen, die Barry Norton über weite Strecken tragen muss, lösen aus heutiger Sicht Heiterkeitsanfälle aus...). Dem Team der spanischen Fassung standen übrigens auch Outtakes aus der englische Version zur Verfügung. Man darf sich also nicht wundern, dass z.B. die drei Vampirbräute in der ersten Einstellung, in der sie aus ihren Särgen steigen, und die komplett aus dem englischen Film entlehnt ist, blond sind, in der Szene, in der sie Renfield anfallen, sich aber zwei dunkelhaarige Grazien dazwischengeschummelt haben. Ebenso ist in vielen Totalen, in denen Dracula aus einiger Entfernung zu sehen ist, nicht der hiesige Darsteller Carlos Villarías vor der Linse, sondern Lugosi... Wo wir schon mal soweit sind, können wir uns gleich den Schauspielern widmen. Carlos Villarías, und das ist das größte Manko dieses Films, trotz aller oberflächlich-äußerlichen Ähnlichkeit, kein Bela Lugosi. Und daher eine Warnung an diejenigen, die Belas gestikulierendes Gehabe als zu theatralisch ablehnen - haltet Euch von DIESEM Dracula fern. Gegen Villarías ist Lugosi ein bewegungsloses Stoneface. Villarías gestikuliert nicht, er, man muss es so deutlich sagen, chargiert und grimassiert. Das entbehrt keinesfalls einer ordentlichen Portion unfreiwilliger Komik (sein Gesichtsausdruck in der Spiegelszene, durch anliegendes Bildmaterial dokumentiert, ist sein Gewicht in Katzengold wert), nimmt seinem Dracula aber bei Lugosi spürbare Gefühl, dass sich hinter dem charmanten Äußeren Abgründe des Bösen auftun. Wenn man konstatieren muss, dass selbst Oberblödler Leslie Nielsen einen "seriöseren" Dracula gegeben hat als Villarías, sollte das Alarmsignal genug sein. Die weiteren Darsteller sind grundsätzlich, wohl dem Latino-Temperament geschuldet, deutlich lebhafter als ihre Kollegen aus dem englischsprachigen Film. Lupita Tovar, ein mexikanisches Starlet, das auch schon in der spanischen Version von "The Cat and the Canary" gespielt hatte, im englischsprachigen Hollywood-Film aber nie über Klischee-Westernnebenrollen hinauskam und später Paul Kohner heiratete, agiert als Eva wesentlich temperamentvoller als Helen Chandler im englischen Film. Sie gibt dem Charakter eindeutig mehr Feuer. Der Argentinier Barry Norton ist als Juan Harker zwar ähnlich überflüssig wie David Manners im Parallelfilm, macht aber einen sympathischeren Eindruck. Eduardo Arozamena legt seinen Van Helsing einerseits ein Stück agressiver, andererseits aber auch weniger selbstsicher an als Edward van Sloan (vgl. die Szene, in der Dracula ihn zu hypnotisieren gedenkt. Während van Sloan diese Mentalattacke eher mühelos abschüttelt, muss Arozamena deutlich "kämpfen"). Pablo Álvarez Rubios Renfield muss sich hinter Dwight Fryes Performance kaum verstecken. Bildqualität: Um eine vollständige Fassung der spanischen Version auf DVD zu bannen, musste Universal einige Klimmzüge machen und fehlende Szenen aus einer arg ramponierten, überraschend gefundenen (Nitrat-, wenn ich mich recht erinnere) Kopie ergänzen. Der Großteil des Films liegt qualitativ durchaus auf dem Level der englischsprachigen Version, die ca. 15 eingefügten Minuten (etwa von der Überfahrt nach England aus gerechnet) sind mit "katastrophal" wohlwollend umschrieben, aber damit muss man leben... lieber eine vollständige Fassung als eine technisch einwandfreie, aber gekürzte. Allein aufgrund der filmhistorischen Bedeutung dieses Streifens sollte man also die teilweise unzulängliche Präsentation nicht zu hoch hängen. Tonqualität: Universal versorgt uns mit gut verständlichem (so man die Sprache beherrscht) und rauscharmen spanischem Mono-Ton und der üblichen Bandbreite an Untertiteln. Extras: Als Bonusmaterial spendiert man uns eine gut fünfminütige Video-Einführung, in der Lupita Tovar-Kohner sich (wohl 1999, anlässlich der Herstellung der Dokumentation "The Road to Dracula") an die Dreharbeiten erinnert. Nett. Fazit: Sollen die Filmhistoriker doch auch mal Recht haben - "Drácula" a la Espana ist seinem englischsprachigen Zeitgenossen deutlich überlegen. Der Film wirkt in sich stimmiger, ist flüssiger erzählt und optisch einheitlicher und, bis auf die Ausnahmen Freund'schen Genies im Lugosi-Film, einfallsreicher. Sein einziges wirkliches Manko ist die Besetzung der Titelrolle - Villarías regt zwar gelegentlich die Lachmuskeln an, hat aber eben einfach nicht die latent düstere Ausstrahlung eines Lugosi. Als Fan des großen Bela bleibt nichts anderes, als traurig davon zu träumen, wie es gewesen wäre, hätte Lugosi eine Crew gehabt, die mit ähnliche Sorgfalt wie die des spanischen Films vorgegangen wäre. Vielleicht wäre das eine Herausforderung für Digitaltüftler - hievt Lugosi computertechnisch aus dem englischsprachigen in den spanischen Film: das wäre dann der definitive 31er-Dracula... DRACULA'S DAUGHTER USA 1936, 68 min, FSK 12 Regie: Lambert Hillyer Darsteller: Otto Kruger (Dr. Jeffrey Garth), Gloria Holden (Gräfin Marya Zaleska), Marguerite Churchill (Janet Blake), Edward van Sloan (Prof. Van Helsing), Gilbert Emery (Sir Basil Humphrey), Irving Pichel (Sandor), Halliwell Hobbes (Const. Sgt. Hawkins), Billy Bevan (Const. Albert), Nan Grey (Lili) Unmittelbar nach den Ereignissen aus "Dracula": Zwei Bobbys erkunden die finsteren Gemäuer von Carfax Abbey und finden dort erstens die Leichen von Renfield und Graf Dracula und zweitens einen sehr mit sich zufriedenen Professor Van Helsing, der auch freimütig gesteht, dem Grafen höchstpersönlich den Pflock durchs Herz getrieben zu haben. Zu seiner Überraschung schenkt man seinen Ausführungen, beim Grafen habe es sich um einen untoten Vampir gehandelt, keinen gesteigerten Glauben, nimmt ihn fest und stellt ihn unter Anklage. Der einzige, der ihn erfolgreich verteidigen könnte, meint Van Helsing, wäre sein Ex-Schüler Jeffrey Garth, zwar kein Anwalt, sondern Psychiater, aber immerhin (ich frage mich zwar, warum Van Helsing nicht auf Dr. Seward oder John Harker verweist, die seine Sicht der Dinge ja bestätigen würden, aber wir müssen ja irgendwie 'ne Geschichte bekommen). Während Garth widerstrebend den Fall annimmt, ereignet sich anderswo merkwürdiges - eine mysteriöse Dame in Schwarz stiehlt Draculas Leiche aus dem Gefängnis und verbrennt sie in einem okkulten Ritual. Die mysteriöse Lady ist Gräfin Marya Zaleska, "Draculas Tochter", und zunächst mal recht erleichtert über das endgültige Ableben Draculas, hofft sie doch, durch den Exitus ihres Vampirvaters ihrerseits vom Fluch des Blutsaugerdaseins erlöst zu werden, auch wenn ihr transsylvanisches Diener-Faktotum Sandor nicht recht glauben mag, dass das so funktioniert. Sandor hat Recht und so stapeln sich in Londons Leichenhallen bald wieder ausgesaugte Leichen... Die High Society der Tommy-Metropole ist zum Glück ein Dorf und so lernen sich Garth und die Gräfin bei einer abendlichen Soirée kennen. Garths Bemerkung, wonach er hoffe, Van Helsing von seiner "Obsession", überall Vampire zu wittern, heilen zu können, missversteht Gräfin Zaleska und meint, Garth könne ihr helfen, sich von ihrem Drang zum Blutsaugen befreien zu lassen. Unter dem Vorwand einer unspezifizierten Zwangsvorstellung verschafft sie sich ein Gespräch mit Garth, in dessen Rahmen er ihr - eher unglückseligerweise - empfiehlt, ihrer vermeintlichen Klatsche nicht davonzulaufen, sondern sich ihr zu "stellen" und sie zu bekämpfen. Aufgrund dieses fachkundigen Rats lässt sich die Gräfin von Sandor ein junges Straßenmädchen zuführen - der vampirische Trieb ist stärker als der Gräfin Willenskraft. Während das arme Opfer Lili halbausgesaugt und unter hypnotischem Bann unter Garths Fuchtel landet, sieht die Gräfin ein, dass sie ihre untote Existenz nicht wird beenden können und lanciert Plan B: Wenn schon Unsterblichkeit, dann mit Jeffrey Garth! Da der aber nicht so ohne weiteres freiwillig dem Vampirclub beitreten wird, entführt die Gräfin als Druckmittel Garths attraktive Sekretärin Janet und flüchtet mit Sandor und Geisel per Flugzeug nach Transsylvanien... Der Film: Wieder einmal stellte Universal nicht gerade Geschwindigkeitsrekorde auf, als es um die unvermeidliche Fortsetzung zu "Dracula" ging. Nachdem man zum Glück davon absah, Tod Browning erneut zu verpflichten und aus unerfindlichen Gründen (Script-Logik dürfte ja keine gesteigerte Rolle gespielt haben) Bela Lugosi nicht gefragt wurde (oder nicht zur Verfügung stand), entwickelte sich das Thema zum Konzept "unmittelbarer Anschluss an den ersten Film, aber mit größtenteils völlig neuen Charakteren" (Van Helsing ist die einzige Figur, die in beiden Filmen auftaucht und wird, ungeahnte Continuity, sogar vom gleichen Akteur verkörpert). Nachdem auch James "Frankenstein" Whale die Realisierung des Films angetragen wurde, der aber ein Script ablieferte, dass dem Vernehmen nach aus mehreren Gesichtspunkten "outrageous" und daher unverfilmbar war, landete das Projekt nach zahllosen Scriptfassungen (u.a. lieferten John L. Balderston und Kurt Neumann Treatments ab) in der Endscriptfassung von Garrett Fort ("Dracula", "Frankenstein") in den Händen des routinierten Regisseurs Lambert Hillyer, der unmittelbar zuvor das hochklassige Lugosi/Karloff-SF-Pairing "The Invisible Ray" inszeniert hatte. Die Geschichte, "vorgeschlagen" von keinem geringeren als dem legendären 30er-Jahre-Filmtycoon David O. Selznick ("Vom Winde verweht), und lose basierend einerseits auf einer von Bram Stoker ursprünglich als Kapitel seines "Dracula"-Romans, dann aber als eigenständiges Werk veröffentlichten Geschichtge ("Dracula's Guest"), andererseits, meinen einige Filmhistoriker, zumindest "angeregt" von Sheridan LeFanus oft-verfilmtem Lesbenvampirroman "Carmilla" (sollte man aber nicht überbewerten), führt einen neuen Aspekt in die Vampir-Mythologie ein - den tragischen, sich der Hoffnunglosigkeit seiner Existenz bewussten, mit seinem "Leben" unglücklichen Vampir. Marya Zaleska sucht, bis ihr die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens klar wird, bewusst nach einem Ausweg aus ihrem Untoten- Dasein, hofft zunächst, durch Draculas Ende aus dessen "Bann" befreit zu sein und bemüht sich dann, als erkennbar wird, dass der Tod des Vampirs ihr diesbezüglich nichts nützt, den Vampirismus als eine "Geisteskrankheit" zu heilen. Der Gedanke, dass dem Vampir seine unsterbliche Existenz keinen Spaß macht, der Wunsch nach Erlösung ist neu (wenn man nicht Draculas Zeile: "To die... to REALLY die... must be glorious!" aus dem Vorgängerfilm dahingehend interpretieren mag), und verleiht dem Vampir an sich eine melodramatisch-tragische Note, die viele nachfolgende Vampirfilme und -Romane aufgriffen und ausbauten. Dieses beinahe schon philosophische Moment ist für einen mit sicher überschaubarem Budget und seitens der Produzenten unambitionierten B-Film überraschend und auch überraschend gut umgesetzt. Der Film spielt sich als eine Art Mischung aus psychologischem Drama, soweit es die Seelennöte der Vampirin angeht, und Kriminalstück (Garth versucht herauszufinden, was eigentlich los ist; es gibt eine relativ starke Polizeipräsenz im Film) und funktioniert als solche ganz gut, auch wenn einiger mesmeristischer Mumpitz (Hypnose in jeder Form ist ein entscheidener Plotpunkt des Films) dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist und heutzutage ein wenig übertrieben wirkt. Dafür gefällt die stilvolle Modernisierung des Themas an sich - "Dracula" war trotz des Settings in der relativen Gegenwart deutlich dem Geist des 19. Jahrhunderts verhaftet (ohne dabei daraus eine Kunst zu machen wie Whales "Paralleluniversum" der Frankenstein-Filme), "Draculas Tochter" macht keinen Hehl daraus, dass der Universal-Horror - inhaltlich und stilistisch - im 20. Jahrhundert angekommen ist (und in der Tat fragt man sich z.B., warum Graf Dracula nicht auch auf die Idee gekommen ist, ein Flugzeug zu chartern, anstatt die langwierige und riskante Reise auf einem Segelschiff anzutreten). Die Charakterisierungen gefallen - die tragische Figur der Gräfin hab ich bereits angesprochen, das ist deutlich tiefgründiger als Dracula selbst. Garth ist durchaus überzeugend ein Skeptiker, der sich erst durch handfeste Beweise überzeugen lässt. Seine Assistentin Janet Blake ist nicht nur dafür da, sich zum dramaturgisch richtigen Zeitpunkt kidnappen zu lassen, sondern sorgt schon zuvor durch einige hervorragende Dialoggefechte mit Garth und auch der Gräfin für Funkenflug. Lediglich Van Helsing wirkt etwas in den Hintergrund gedrängt und nicht immer glaubwürdig. Auf den obligatorischen comic relief durch die zwei Police Constables hätte ich verzichten können, aber er ist vergleichsweise gut goutierbar. Um noch kurz auf den vermeintlichen "lesbischen" Inhalt einzugehen - den muss man schon in die eine Szene hineininterpretieren, in der die Gräfin sich dem Straßenmädchen Lili zuwendet. Die Gräfin hält sich nicht, wie irrtümlich gelegentlich behauptet wird, ausschließlich an weibliche Opfer, sondern scheint vielmehr primär Männer auszusaugen. Interessant ist auch, dass die Gräfin ein Kruzifix nicht nur berühren, sondern auch - folgenlos - benutzen kann, um das Ritual mit Draculas Leiche durchzuführen, solange sie es nicht direkt ansieht. Von der handwerklich-technischen Seite bleibt festzuhalten, dass Lambert Hillyer einer der Regisseure ist, der die Transition vom Stummfilm zum "talkie" reibungslos vollzogen hat. Wie schon der sträflich unbekannte "The Invisible Ray" ist "Dracula's Daughter" ein erstaunlich moderner, schon fast stylischer Film, der nichts von der oft holprigen Inszenierung eines typischen 30er-Jahre-B-Films hat, sondern, wenn man's nicht besser wüsste, gut und gern auch auf die späten 50er oder frühen 60er datiert werden könnte. Die Kamera ist bewegungsfreudig, die Einstellungen selbst modernen Sehgewohnheiten entsprechend, ohne Anbiederungen an den Expressionismus - es ist im positiven Sinn ein sehr glatter Film, dem es vielleicht an spektakulär-revolutionären Kameragimmicks Marke Karl Freund oder dem avantgardistischen künstlerischen Konzept eines James Whale mangeln mag, der aber durch seine sehr flüssige Inszenierung ausgesprochen kurzweilig geraten ist und auch einem Publikum, das mit dem 30er- Jahre-Horrorkintopp eher weniger anfangen kann, vorgeführt werden kann, ohne dass man als Vorführer Prügel oder eine eingeschlafene Audience riskiert. Die Kameraführung besorgte übrigens George Robinson, den wir zuletzt als Fotografen der spanischsprachigen (und, wir erinnern uns, visuell insgesamt wesentlich gelungeneren) "Drácula"-Fassung kennengelernt haben. Ganz leicht negativ fällt nur auf (und das aber auch nur, wenn man "Dracula" unmittelbar zuvor gesehen hat), dass die Obduktions-Szene (ein männliches Opfer der Gräfin wird seziert) sowohl teilweise bildlich (die Totale auf den Obduktionssaal) als auch dialogtechnisch (der gesamte Dialog während Lucys Obduktion wird wortwörtlich hier wiederholt, nur mit den geschlechtsbedingten Änderungen) aus "Dracula" entlehnt ist. "Zitiert" wird der Vorgänger dann nochmals im Finale in Transsylvanien, wo wir quasi ein kurzes Replay der Prologsequenz aus "Dracula" dargeboten bekommen. Der Streifen kommt ohne große fotografische Effekte aus (auch wenn Universal-Haus-und-Hof- Effekt-Magier John P. Fulton für einige Tricks kreditiert wird) - die Gräfin verwandelt sich nicht in eine Fledermaus o.ä. und wirklich horribles gibt's natürlich nicht zu sehen, die Grundstimmung ist weniger "creepy" denn "dramatisch" bzw. "suspenseful". Zu den Darstellern: die Vampirin wird von Gloria Holden exzellent verkörpert. Die Schauspielerin, die hier ihre erste Hauptrolle spielt, erweist sich als treffliche Besetzung. Zum Drehzeitpunkt 28 Jahre jung wirkt sie (vermutlich durch dezentes Make-up von Jack Pierce), hm, "älter" ist vermutlich uncharmant und trifft nicht ganz das, was ich sagen möchte... einigen wir uns einfach auf "vampirisch" - ihre Ausstrahlung ist düster, leicht morbide, dennoch attraktiv, man kauft ihr den Schmerz einer unsterblichen Existenz ab. Der Südafrikaner Otto Kruger (seines Zeichens ein Neffe des südafrikanischen Präsidenten Paul Kruger, nach dem der Krugerrand benannt ist) spielte in den 30er und 40er Jahren oft den Schurken (gerne mal einen Deutschen in WK2-Kriegsfilmen) und gibt hier eine seiner selteneren Heldenvorstellungen. Kruger macht seine Sach recht gut, ist mir insgesamt allerdings etwas zu farblos - warum die Gräfin, die ja sichtlich die freie Auswahl hat, sich ausgerechnet auf den eher drögen Garth als Begleiter für's Untotendasein kapriziert, macht er mir irgendwie nicht ausreichend deutlich. 1952 spielte er übrigens eine Nebenrolle im Edelwestern "High Noon". Marguerite Churchill erlebte zwischen 1930 und 1936 eine kurze, aber hektische Karriere als "leading lady" und war als solche 1931 auch in einem Charlie-Chan-Film am Start. Ihre Rolle als "damsel in distress" Janet Blake absolviert sie sehr lebhaft; ihre Wortgefechte mit Kruger sind die komödiantischen Highlights des Films. Edward van Sloan, der seine Rolle als Van Helsing wieder aufgreift, bleibt nicht viel mehr als eine Nebenrolle ohne großen Erinnerungswert. Eine finstere Screenpräsenz als der Gräfin schurkischer Sidekick Sandor bietet aber Irving Pichel, der als Regisseur von Genreklassikern wie "The Most Dangerous Game" (dt. "Graf Zaroff - Genie des Bösen") oder "Destination Moon" wesentlich bekannter sein dürfte als als Schauspieler. Für den schüchternen Hauch jugendlicher Erotik sorgt die siebzehnjährige Nan Gray als Vampir-Opfer Lili. Sie war später in "Tower of London" und "The Invisible Man Returns" zu sehen. Manch einer will ihr und Gloria Holden so etwas wie die Geburt der lesbischen Liebesszene im Mainstream-Film zubilligen (was natürlich übertrieben ist, aber für 1936 dürfte die Biss-Szene tatsächlich sehr gewagt gewesen sein - zu sehen ist natürlich nichts wirklich "anstößiges", es wird artig weggeblendet...). Bildqualität: Wieder mal alle Achtung an Universal, der Print, den das Studio hier ausgegraben hat, ist wirklich vom feinsten - ein edler, fast völlig verschmutzungsfreier, kristallklarer Vollbildtransfer, der höheren Ansprüchen genügt. Sehr gute Schärfe, ausgezeichneter Kontrast, klaglos arbeitende Kompression. Schick. Tonqualität: Ausnahmsweise, weil ich den Film nicht allein gekuckt habe, entschied ich mich mal für die deutsche Sprachversion - die ist (Dolby Mono 2.0 wie die ebenfalls mitgelieferten französischen und englischen Tonspuren) ausgezeichnet gelungen, rauschfrei, sehr gute Sprachqualität und -verständlichkeit. Daumen hoch! Extras: "Draculas Tochter" teilt sich in der Legacy-Box die Silberscheibe mit der spanischen "Drácula"-Version. Als filmspezifisches Bonusmaterial gibt's nur den recht ramponierten Kinotrailer. Fazit: Surprise, surprise - "Draculas Tochter" ist ein verblüffend ansehnlicher Nachzieher zum gestelzt-altmodischen "Dracula". Lambert Hillyers Film gewinnt nicht nur dem Charakter des Vampirs bzw. der Vampirin, erstmals als in sich selbst tragische Figur und lesbischer Tendenzen, neue Facetten ab, sondern entstaubt den Universal-Horrorfilm insgesamt - anstelle gothischer Schauerfantasien, abgefilmter Theaterstücke oder beinahe avantgardistisch-expressionistischer Filmkunst wie in Whales Frankenstein-Verfilmungen setzt Hillyer auf eine zeitgemäße, moderne Gestaltung. Man kann sicherlich trefflich streiten und vermutlich letztlich auf den gemeinsamen Nenner kommen, dass "Frankenstein" und "Bride of Frankenstein" beispielsweise wesentlich wichtigere Filme im filmhistorischen Sinne sind und auch "besser" aus der Sicht des neutralen Beobachters, weil vielschichtiger, nichtsdestotrotz ist "Draculas Tochter" mehr als nur solides Entertainment. Gelungener Kintopp, von Universal hervorragend präsentiert. SON OF DRACULA USA 1943, 78 min, FSK 12 Regie: Robert Siodmak Darsteller: Lon Chaney jr. (Graf Alucard/Dracula), Robert Paige (Frank Stanley), Louise Allbritton (Katherine "Kay" Caldwell), Evelyn Ankers (Claire Caldwell), Frank Craven (Dr. Harry Brewster), J. Edward Bromberg (Prof. Laszlo), Samuel S. Hinds (Judge Simmons), Adeline DeWalt Reynolds (Madame "Queen" Zimba), Pat Moriarity (Sheriff Dawes), Etta McDaniel (Sarah), George Irving (Colonel Caldwell) Die Südstaaten-Sippe der Caldwells erwartet auf Einladung der älteren Tochter Katherine, genannt Kay, Besuch vom alten Kontinent - den ungarischen Grafen Alucard. Der schickt aber zunächst nur sein voluminöses Gepäck, glänzt aber persönlich mit Abwesenheit. Kay sucht Rat bei ihrer privaten Zigeunerin "Queen" Zimba, die sie aus Ungarn importiert hat. Zimba warnt: Alucard sei ein Todesengel: "Ich sehe dich einen Leichnam heiraten", düstert sie, ehe sie von einer Fledermaus angefallen und in den spontanen Herztod getrieben wird. Auch beim abendlichen Empfang zu Alucards Ehren ist der Guest of Honor immer noch abwesend. Der kränkelnde Colonel Caldwell, Kays (und ihrer Schwester Claires) Vater, zieht sich auf eine letzte Zigarre vor dem Schönheitsschlaf zurück. Während Kays Verlobter Frank seine Holde damit zu beeindrucken sucht, Alucard als Hochstapler enttarnt zu haben (ein Graf dieses Namens ist in Ungarn nicht bekannt), hat der sich sich in Fledermausgestalt Einlass verschafft und sorgt für das Ableben des Colonels, wobei der Versuch, die Angelegenheit als Zimmerbrand zu tarnen, aufgrund zeitiger Entdeckung allerdings scheitert. Der clevere Dr. Brewster, Freund der Familie, enttarnt das raffinierte Anagramm "Alucard" und kontaktiert den ungarischen Wissenschaftler Laszlo, der Alucard sofort mit der Dracula-Legende in Verbindung bringt. Zwar sei der letzte transsylvanische Blutsauger im 19. Jahrhundert vernichtet worden, dennoch mahnt Laszlo zu unbedingter Vorsicht. Dieweil wird Caldwells Testament eröffnet - Kay liefert zur Überraschung des Richters einen neuen letzten Willen, der statt der strikten hälftigen Vermögensteilung vorsieht, dass Kay die Plantage erbt, während Claire die Moneten bekommen soll. Claire ist skeptisch und vermutet, dass Kay ihre Heiratsabsichten Frank gegenüber noch einmal kritisch überdacht hat. Dr. Brewster vermutet, dass Kay sich eher den Grafen ausgekuckt hat und den im Gästehaus der Plantage versteckt. Dort finden sich zwar seine leeren Koffer, aber keine Anhaltspunkte für physische Anwesenheit des Europäers. Nichtsdestotrotz empfiehlt Brewster Claire, Kay sicherheitshalber entmündigen zu lassen (harte Sitten). Alucard versteckt sich im nahen Sumpf, wartet dort auf Kay und düst mit ihr zum Friedensrichter, um siich unbürokratisch trauen zu lassen. Alles Bestandteil des raffinierten Masterplans - durch die Ehe mit Kay hat Alucard nun einen gesetzlichen Anspruch auf die Herrschaft über die Caldwell-Plantage. It probably beats a run-down transsylvanian castle... Frank ist verständlicherweise über diese Entwicklungen ungehalten - die Konfrontation endet aber tragisch. Beim Versuch, Alucard zu erschießen, treffen seine Kugeln nur seine geliebte Kay. Entsetzt flieht Frank, wird von Alucard in Fledermausform auf einen Friedhof gejagt - allerdings sollten Vampire ihre Jagdgründe geschickter wählen. Auf einem Friedhof gibt's bekanntlich jede Menge Kruzifixe, und die tun einem untoten Blutsauger nicht gut. Alucard muss das Weite suchen. Frank schleppt sich zu Brewster und bindet dem die Story ans Bein. Brewster eilt zur Plantage, schnüffelt herum und wird von Alucard ertappt. Der führt dem neugierigen Arzt nur zu gern die quicklebendige Kay (natürlich längst vampirisiert) vor. Kay erklärt, dass sich ihre früheren Freunde inkl. Frank in Zukunft vom Anwesen fern halten sollen. Unspezifizierte wissenschaftliche Forschungen werden es ihr und ihrem Neumänne leider unmöglich machen, ein gesellschaftliches Leben zu führen. Und Alucard ergänzt diese freundliche Bitte um ein paar charmante Drohungen. Frank hat sich mittlerweile selbst dem Sheriff ausgeliefert und den Mord an Kay gestanden. Brewster erklärt, dass er Kay gerade eben noch gesprochen habe und versucht vergeblich, eine dienstlich-polizeiliche Inspektionstour zu verhindern. Schlecht für ihn, denn anstelle einer lebendigen Kay finden die Gesetzeshüter nur eine eingesargte. Der Mordverdacht gegen Frank ist erhärtet und Brewster wird der Komplizenschaft, zumindest aber des Versuchs, Frank zu decken, beschuldigt. Auf Brewsters Einladung ist mittlerweile Laszlo eingetroffen - die beiden Wissenschaftler sind sich einig, dass Alucard ein echter Dracula ist und das leergesaugte Transsylvanien verlassen hat, um sich zukünftig am Blut einer jüngeren und stärkeren Rasse, mithin den Amerikanern, zu weiden. Dracula platzt in die traute Besprechung und trachtet Brewster nach dem Leben, doch Laszlo kann den Vampir mit einem Kruzifix vertreiben. Laszlo theoretisiert, dass Kay, die immer schon ein wenig "morbide" gewesen sei, sich freiwillig hat beißen lassen und liegt damit völlig richtig. Nur ihre Motive sind überraschend... Kay besucht, was dank der auf sie übergegangenen Fähigkeiten, sich nach Bedarf in eine Fledermaus oder auch nur eine Rauchwolke zu verwandeln, Frank in seiner Zelle und erläutert ihren perfiden Plan. Sie hat alles nur eingefädelt, damit sie und Frank, den sie wirklich liebt, gemeinsam ein ewiges Leben führen können. Dracula war für sie nur Mittel zum Zweck und nun hätte sie den Grafen gern wieder los. Das soll Frank besorgen, weswegen sie ihm ein paar diesbezüglich praktische Tipps gibt. Ein Besuch Claires unterbricht die Planung des weiteren Vorgehens - auf Geheiss der beiden Vampirologen möchte sie Kays Leiche einäschern lassen, was Frank entsetzt. Und auch Kay findet das nicht lustig: "Es könnte sein, dass wir Brewster und Claire eliminieren müssen!" Aber zunächst ist Dracula dran. Kay befreit Frank und der macht sich auf, Dracula Grab bzw. Sargversteck zu finden - denn vernichtet er es, bevor der Vampir nach harter Nachtarbeit es zwecks einer Mütze gesunden Tagesschlafs aufsuchen kann, geht der Untote hops. Brewster und Laszlo eilen hinterher, um Frank vor Dracula zu retten und zu verhindern, dass er weitergehende Dummheiten macht... Der Film: Die Inhaltsangabe ist für ein Kurzreview heute mal etwas länger, da der Film wohl nicht den Bekanntheitsgrad diverser anderer Universal-Horrorklopper aufweist. Obwohl von Universal in den Kanon seiner klassischen Horrorfilme aufgenommen und durchaus auch so vermarktet, ist "Son of Dracula", satte sieben Jahre nach dem letzten Universal-Vampirfilm ("Dracula's Daughter") kein Sequel zum Lugosi-Film, sondern vielmehr eine eigenständige Geschichte, die mit dem Bram-Stoker-Roman rein gar nichts mehr zu tun hat, sich vielmehr sogar den Gag erlauben kann, Stokers Roman als Quelle über den Dracula-Mythos zu referieren (das kann man schon fast als einen Vorgriff auf "Blair Witch 2" nehmen, indem ein auch im Filmkontext fiktives Horrormotiv als Plotpunkt herangezogen wird). "Son of Dracula" spielt also sozusagen eine eigenständige, alternative Geschichte, und macht das, um's vorwegzunehmen, ziemlich gut. Verantwortlich hierfür sind zu mindestens gleichen Teilen Autor und Regisseur, und die mussten gut harmonieren, schließlich sind sie Verwandte. Die Geschichte besorgte Curt Siodmak, der nicht nur den berühmten (und verfilmten) SF-Roman "Donovan's Brain" schrieb, sondern auch für zahlreiche phantastischen Filme der 30er bis 50er Jahre inhaltlich verantwortlich zeichnete (von zugegeben unterschiedlicher Qualität, da Siodmak auch immer wieder Auftragsarbeiten für B-Filme ablieferte; aber ein durchschnittliches Siodmak-Script ist halt meistens intelligenter als die Konkurrenz) und auch einige Streifen wie "Bride of the Gorilla" (nicht mit dem von Ed Wood geschriebenen "Bride of the Beast", auch als "Queen of the Gorillas" bekannt, zu verwechseln) inszenierte (die Drehbuchfassung erarbeitete Eric Taylor, der einige Beiträge der "Ellery Queen"- und "Dick Tracy"-Reihen verfasste und für die Universal- Horror-Abteilung "Phantom of the Opera" und "Ghost of Frankenstein" schrieb), die Regie übernahm Curts Bruder Robert, dessen memorabelster Hollywoodfilm vermutlich der Thriller "The Spiral Staircase" ("Die Wendeltreppe") sein dürfte und der in den 60er Jahren zurück diverse Karl-May-Filme und den vielleicht letzten grossen Monumentalfilm "Kampf um Rom" drehte. Angesichts der Beteiligung prominenter deutscher Emigranten ist es nicht besonders verblüffend, dass "Son of Dracula" nicht nur einfach der nächste belanglose Vampirschinken aus der Universal-Hexenküche wurde. Schon allein das Setting macht klar, dass die Siodmaks sich von den Vorgängerfilmen distanzieren - anstelle, wie's im Universal-Horror bis dahin üblich war, die Story irgendwo im fernen (und impliziert rückständigen) Europa anzusiedeln, lassen die Siodmaks den Vampirismus die neue Welt erreichen, sie entziehen damit dem amerikanischen Publikum damit die schützende Distanz zum Geschehen. Gleichzeitig verlagern sie die Geschichte in eine schon von Haus aus unheimliche und unwirtliche Gegend, die Sümpfe der Südstaaten, die auch ohne Vampire schon genügend Gruselstimmung verbreiten (und ähnlich wie bei Frank Wisbars bemerkenswertem Ultra-Low-Budget-Mood-Chiller "Strangler of the Swamp", auch ein Werk eines deutschen Exilanten, gewinnt "Son of Dracula" durch die im Studio reproduzierten Sumpfkulissen eine eigenartige, unwirkliche Atmosphäre). Die Siodmaks verpflanzen also bewusst den Vampirmythos an sich aus seiner angestammten gothischen Umgebung und kommen so gar nicht erst in die Versuchung, schon 1943 althergebrachte Klischees zu bedienen und zu kopieren. Zwangsläufig verschieben sich dadurch auch die Perspektiven der Geschichte - der Vampir ist nicht die zentrale Figur der Geschichte - und schon gar nicht die alleinige "Schurkengestalt". Durch den geschickt eingeführten Plottwist wird Dracula (die Titelbezeichnung "Sohn des Dracula" ist irreführend. Da der Streifen in keiner Sekunde Bezug auf die Vorgängerfilme nimmt, ist die Theorie, bei diesem Dracula täte es sich sozusagen um Lugosis Filius handeln, hinfällig. Dieser Dracula ist einfach "ein" Dracula, ohne historische oder genealogische Einordnung) nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Der Vampir wird hier von Kay manipuliert, ist nur eine Schachfigur in einem Ränkespiel (aus Liebe? Najaaaa...), die, nachdem sie aus Kays Sicht ihre Schuldigkeit getan hat, wieder aus dem Spiel genommen werden muss. Es gibt der (ansonsten in dieser Story eher sträflich vernachlässigten) tragischen Komponente des Vampirs eine neue Facette, auch wenn sie nicht ursächlich auf die spezifischen Eigenheiten des Vampirs zurückzuführen ist, sondern auch in anderem, nicht übernatürlichen Kontext, funktionieren würde. Für den an und für sich normalerweise hochmoralischen B-Horror ist es aber zweifellos ein neuer Ansatz - Kay ist nicht die damsel in distress, die es zu retten oder wenigstens zu erlösen gilt, sondern eher die berechnende femme fatale, die - sprichwörtlich - über Leichen (und sogar ihre eigene...) geht, um ihr übergeordnetes Ziel zu erreichen. Man kann sagen, was man will, für einen B-Chiller von 1943 ist das ungewöhnlich und nimmt, wenn man so will, Tendenzen des späteren film noir vorweg. Die Story ist in sich stimmig und präzise durchkonstruiert, die wesentlichen Charaktere sind gut geschrieben und verhalten sich schlüssig. Auf comic relief wird dankenswerterweise verzichtet (ich hatte schon das schlimmste befürchtet, als schwarze Dienstboten eingeführt wurden; mit denen trieb Hollywood seinerzeit ja gerne mal übelsten Schindluder). Von der technischen Seite her weiß "Son of Dracula" durchaus zu überzeugen. Siodmaks Inszenierung ist nicht unbedingt die eines "edge of the seat"-Thrillers, aber sie rollt flüssig und behende voran, hält sich kaum mit Nebensächlichkeiten auf und sorgt sogar, was man bei Kintopp aus Opas Mottenkiste aus heutiger Sicht nicht immer behaupten kann, für ein gerüttelt Maß an Spannung. Dass der ganze Spaß hochgradig atmosphärisch geraten ist, ergibt sich durch das Studio-Sumpf-Setting beinahe automatisch, jedenfalls erlaubt es einige memorable Bilder, die von Universal-Horror-Stammkameramann George Robinson gelungen eingefangen werden. Es fehlt, wenn man mosern möchte, vielleicht an einer großen "Vision" wie sie die Whale-Frankensteine aufwiesen oder dem gelegentlich durchschimmernden Genie eines Karl Freund bei "Dracula", aber Robinson liefert grundsolides und modern aussehendes Handwerk ab. Beeindruckend für die Entstehungszeit sind die Spezialeffekte - John P. Fulton, bekanntermaßen Schöpfer der noch heute erstaunlichen Tricksequenzen des "Unsichtbaren" ist für die photographischen Tricks verantwortlich und liefert hier einige echte Kostproben seiner Kunst. In "Son of Dracula" wird nicht mehr schamhaft weggeblendet, wenn das Script einen (z.B. im 31er "Dracula" unpraktikablen) Effekt verlangt, hier wird's gezeigt. Und es ist immer noch sehr eindrucksvoll, wenn man sich vor Augen hält, mit welch vergleichsweise primitiven Mitteln die Tricktechniker seinerzeit operieren mussten. Und doch verwandelt sich in "Son of Dracula" eine Fledermaus on-screen in die Gestalt des Grafen Dracula (da hilft Kollege Zeichentrick mit, aber es wirkt immer noch ansprechend), und besonders beeindruckend sind die Sequenzen, in denen sich die Vampire (auch Kay verfügt nach ihrer Vampirisierung über diese Fähigkeit) aus Rauchwolken bilden oder sich in solche verwandeln. Die Umsetzung dieser Szenen ist auch über sechzig Jahre später noch aller Ehren wert, verdient höchsten Respekt und entlockt dem filmhistorisch interessierten Fan ein anerkennendes Pfeifen. Der Score von H.J. Salter ist mir persönlich ein wenig zu dick aufgetragen, aber das ist dem Zeitgeist geschuldet. Bevor dieses Review in eine Gütesiegel-Heiligsprechung ausartet, muss ich jetzt doch noch in die Suppe spucken - wir kommen zu den darstellerischen Leistungen. An Robert Paige, vielbeschäftigter Leading Man des B-Kinos der 30er und 40er Jahre, der kaum in wirklich bedeutsamen Rollen agierte (1953 hatte er noch einen prominenten Auftritt in einem der lesser Abbott & Costello-Vehikel, "Abbott & Costello Go To Mars") liegt's nicht, für einen der typischen cardboard-Heldenverkörperer des anspruchslosen B-Kintopps schlägt er sich wacker (aber es ist nun mal so: wenn man einigermaßen die richtige Statur und das richtige Aussehen hatte, brauchte man damals - wie heute, ähm - nicht wirklich schauspielerisches Können, um Hauptrollen abzugreifen). Auch Louise Allbritton, die in einigen eher unwichtigen Universal-B-Filmen der 40er agierte, ehe sie sich Ende der 40er ins Privatleben zurückzog und nur noch gelegentlich im Fernsehen auftrat, macht als manipulativer Proto-Goth Kay keine denkwürdige, aber zumindest eine anständige Figur (schauspielerisch betrachtet, gell). Evelyn Ankers ("Ghost of Frankenstein") ist mitsamt ihrem Charakter praktisch komplett unnötig für den Film, Frank Craven (ein Broadway-Schauspieler, der im Zuge des Tonfilmbooms nach Hollywood kam, dort zunächst als "script doctor" arbeitete und sogar einige Male Regie führte, ehe er als "character actor" regelmäßige Arbeit fand) und J. Edward Bromberg ("The Mark of Zorro") bilden ein hübsch harmonierendes Duo als Ermittler im Reich des Übernatürlichen. Nein, das Problem des Films ist m.E. Lon Chaney, dem es mit diesem Film zwar gelingt, auch den dritten großen Universal-Horrorcharakter zu mimen (nach dem "Wolf Man" 1941 und dem Frankenstein- Monster 1942 in "Ghost of Frankenstein"), der aber einfach für den Dracula-Charakter nicht ... passt. Chaney, der hier deutlich älter wirkt als die 37 Lenze, die er zum Drehzeitpunkt zählte (man würde ihn eher für einen Mitfünfziger halten mögen), fehlt die notwendige Ausstrahlung. Trotz seines impressiven Auftretens und dem ihm anzusehenden Bemühen um Wirkung will sich die spezielle Aura eines wirklich erfolgreichen Vampir-Darstellers einfach nicht einstellen. Ich kann nicht in Worte fassen, was genau mich an seiner Intepretation des Dracula stört, ich muss mich mit einer Worthülse behelfen. Chaney bringt das "Unwirkliche", dieses gewisse Etwas, vielleicht kann man es den "larger than life"-Effekt nennen, dass den Vampir in seiner Darstellung von den "Nicht-Untoten" abhebt, nicht rüber (Lugosi konnte das durch seine Theatralik, Christopher Lee lieferte es auf andere Weise). Chaney "klickt" einfach nicht als Vampir, von einer wie auch immer gearteten Sexualität bzw. erotischen Ausstrahlung verbietet es sich zu reden, Cape hin, Oberlippenbart her. Bildqualität: Der von Universal ausgegrabene Print ist mal wieder hochrespektabel. Der Vollbildtransfer kommt mit minimalsten Defekten daher, ist gestochen scharf und kann auch von den Kontrastwerten her voll überzeugen. Gelegentlich macht sich ein minimales Flimmern bemerkbar (eine Seuche bei alten s/w-Filmen), das aber kaum ernstlich stört. Die Kompression arbeitet störungsfrei (Universal packt den Film übrigens mit "House of Dracula" auf eine DVD). Tonqualität: Auch da - nichts zu meckern. Der englische Mono-Ton blieb vom Zahn der Zeit unangenagt und ist ausgezeichnet verständlich, auch die dramatisch-pompöse Musik klingt knarz- und schepperfrei aus den Lautsprechern. Deuscher und französischer Ton wird mitgeliefert, dazu etliche Untertitelspuren. Extras: Als filmbezogenes Goodie gibt's nur den arg ramponierten Wiederaufführungs-Kinotrailer aus dem Jahr 1948. Fazit: Man könnte sagen, auch "Son of Dracula" qualifiziert sich für die kurze Liste von Fortsetzungen, die besser sind als ihr Original, aber da tut man dem Film auch wieder Unrecht, denn er ist einfach kein Sequel zu "Dracula". Die Siodmaks erdachten sich eine völlig eigenständige Geschichte, die von Bram Stoker eigentlich nicht mehr als den Namen des Titelcharakters übernimmt und ansonsten mit den von den bis dato gesehenen Vampirfilmen aufräumt. Statt eines lauen Aufgusses bekannter Motive präsentiert "Son of Dracula" eine originelle, intelligente Geschichte und serviert auf gutem handwerklichen Niveau mit bemerkenswerten Spezialeffekten. Eine weitere positive Überraschung aus dem Fundus der Universal-Archive, bei der man angesichts der guten Story und ihrer Umsetzung auch mal geflissentlich darüber hinwegsehen kann, dass die Hauptrolle mit Lon Chaney jr. doch ein wenig fehlbesetzt ist. Aber irgendwas ist halt immer... SIEHE AUCH: - Universal Monster Legacy 1 - Frankenstein
- Universal Monster Legacy 3 - The Wolf Man
- Universal Monster Legacy 4 - Classic Monster Collection
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