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American Raspberry

AMERICAN RASPBERRY

(alternative Titel: Prime Time, Funny America)

USA 1977, 75 min, FSK --

Regie: Bradley R. Swirnoff

Darsteller: Dee Cooper, Harry Shearer, Murphy Dunne, Fred Dryer, Laurie Zimmer, Art Fleming, Ben Frommer, Stephen Furst, Laurence Haddon, Hap Lawrence, Warren Oates, Dick O'Neill, Pamela Guest, Al Shafran


Unbekannte bemächtigen sich der amerikanischen Fernsehfrequenzen - anstatt der gewöhnlichen Abendunterhaltung gibt's ein ganz spezielles Programm - Werbespots für Altenheime, die Opa in Katzenfutter recyclen, Gameshows, in denen Prominente einmal aufgehängt werden, ein anderes Mal mit der Schrotflinte auf Passanten schießen dürfen, Reisetipps für Leute, die das Abenteuer lieben (z.B. nach Irland, bezahlt von der IRA), Fernsehserien mit fetten Weibern, einen Telethon, der die "sexuelle Abartigkeit" feiert, Infomercials zur korrekten Einführung von Tampons oder über Frauen, die am ganzen Körper Titten haben, etc. pp. Chaos, Aufruhr, Panik - der Präsident ist ratlos. Niemand weiß, wer für die feindliche Übernahme des TVs verantwortlich ist. Die Generäle und die Heilsarmee empfehlen einen prophylaktischen Vernichtungsschlag, aber gegen wen denn eigentlich?

Something tells me NOT to use this airline...
Und Schäferhunde sind für Mohammed, oder wie?


Der Film:
Öchza. Aus den unermeßlichen Tiefen der Mill-Creek-"Drive-In Movie Classics Box" kommt ein Filmchen, das herzlich gerne der nächste "Kentucky Fried Movie" gewesen wäre, aber in die Annalen nur als der erste Post-ZAZ-Parodiesketchfilm eingehen wird, der richtig richtig RICHTIG misslungen ist. Dabei hatte das gleiche Team schon 1975 mit "TunnelVision" ähnliches Terrain beackert (und damit die Karriere diverser späterer Comedy-Größen wie John Candy und Chevy Chase beflügelt), aber es hat vermutlich seine Gründe, warum man in Sachen Sketchfilm nicht das gleiche Sujet mehrfach abgrasen sollte - der Verdacht liegt nahe, dass man die wirklich guten Ideen beim ersten Mal verbraten hat und für den zweiten Aufguss dann die Schublade "naja, hatten wir ja eigentlich schon aussortiert, aber machen wir einfach mal" öffnen und die eher suboptimalen Einfälle verwerten muss.

Waren Jimmy-Hoffa-Gags JEMALS lustig?
Da ist mir fast der beinlose Igel aus den Werner-Comics lieber...

Sketchfilme an sich sind nun mal von Haus aus ein relativ heikles Thema - mir fallen wirklich wenige ein, die durchgängig lustig sind (selbst an "Kentucky Fried Movie" hab ich was auszusetzen, nämlich, dass die "große" Bruce-Lee-Parodie einfach zu viel Raum einnimmt und damit das Format des Films etwas beschädigt; "Amazonen auf dem Mond" hat höchstwahrscheinlich den lustigsten Sketch aller Zeiten, aber sonst nicht wirklich viel auf der Pfanne, und auch der jüngst besprochene News Movie ließ auf jeden guten Sketch mindestens einen doofen folgen). Auch die Macher von "American Raspberry" (der sich mir unter dem Alternativtitel "Prime Time" vorstellte) kämpfen mit den üblichen Problemen des Formats - die meisten ihrer Ideen sind nicht wirklich *lustig*, fast alle Sketche sind zu lang (selbst die, die nur 20-30 Sekunden dauern), bis sie endlich bei ihrer Punchline angekommen sind (so sie überhaupt eine haben), hat man's als Zuschauer schon längst vorausgesehen. Zwar scheren sich die Autoren prinzipiell erfreulicherweise einen feuchten Kehricht um political correctness, aber anstatt satirisch-tiefgründig mit Tabus und Ressentiments zu spielen, verfallen sie oft nur in plumpen Rassismus (z.B. bei einem Werbespot von "Air Puerto Rico", dessen Gags es z.B. sind, dass vor dem Cockpit ein Kruzifix hängt, ein Koch ungenießbar-fliegenumwuselte Ekelpampe "frisch" zubereitet und die Passagiere lebende Hühner und tote Mütter mit dabei haben, oder einem weiteren Werbespot, in dem ein reicher Ölbonze "Neger" als neue, alternative und umweltfreundliche Energiequelle anpreist) oder verfallen auf Gags, die nicht mal ein totes Warzenschwein lustig finden könnte (wie z.B. das ganze "sexual deviation"-Telethon-Gedöns, das zudem noch als einziges Segment mehrfach gefeatured wird und in dem sich ein kompetenter Musiker wie "Blues Brother" Murphy Dunne als Transe zum Affen machen darf). Manche Sketche hinterlassen einfach nur das berühmte WTF-Gefühl (wenn z.B. eine fünfteilige Dokumentationsserie über "Die Nase" angepriesen wird; ein anderes Beispiel ist der kurze Sketch über die Frau, die auch an den Kniekehlen etc. Brüste hat), andere reiten eine prinzipiell brauchbare Idee zu Tode (so der Tampon-Werbespot, der durch eine ungeheuer witzige Zeichnung der diversen von einem "Clampax" potentiell pentrierbaren Körperöffnungen - u.a. "Skylla", "Charybdis" und "das Bermuda-Dreieck" - punktet, aber einfach zu lange dauert). Kurze, witzige blackout-Gags wie Fred Dryers (späterer "Hunter"- und ehemaliger Football-Star) Feststellung, dass die Kenntnis des Gefühls, mit anderen Kerlen etwas "großes" erreicht und mit ihnen geduscht zu haben, nur bedeutet, dass man schwul wäre, wechseln sich mit schier endlosen Segmenten wie einer geradezu erstaunlich anti-lustigen "Drei Engel für Charlie"-Parodie (deren singulärer Gag es ist, das alle Figuren unsagbar fett sind) ab. Die insgesamt zwei Lacher (ein richtig guter und zwei halbe) stammen aus dem Bereich der simplen Geschmacklosigkeit (das "Charles Whitman Invitational", in dem Warren Oates von einem Turm aus auf Passanten ballern darf und ein Sketch über einen beinlosen Postboten, der mit der Punchline "Fire the Handicapped" endet - den allerlustigsten Gag, der auch der geschmackloseste ist, SPOILERE ich im nachfolgenden Absatz:

Wenn das mal kein Phallussymbol ist...
Die Lösung der Energiekrise!

Im Stile der alten Cassetten-Werbung ["ist es live oder ist es MEMOREX?"] wird eine Hitler-Rede eingespielt - der Kommentar ist: "Wenn sie jüdisch sind, hoffen sie lieber, es ist Memorex..." SPOILERENDE).

Godzilla ist aber wenigstens hübscher als der Typ...
Okay, darüber habe ich geschmunzelt, gebe ich zu.

Was überhaupt gar nicht geht, ist die schlichtweg depperte Rahmenhandlung, wonach das Piraten-Fernsehprogramm (von dem wir nie erfahren, wer es produziert und einspielt) für Aufruhr auf den Straßen sorgt (der Großteil ist nicht SO weit weg von normaler TV-Unterhaltung, als dass es der gewöhnlichen Couchkartoffel auffallen würde) und zu einem Politikum wird, das nur durch einen Atomschlag zu lösen ist (ich glaube, der einzige halbwegs witzige Einfall dieser Handlung ist der, den Vertreter der Heilsarmee in den Krisenstab zu holen). Insgesamt ist "American Raspberry" aber ziemlich ernüchternd - in einen 75-Minuten-Film, der ungefähr 25-30 verschiedene Sketche bringt, gerade mal eine halbe Handvoll Lacher einzubauen und ihn somit trotz eines eigentlich automatischen "rapid fire"-Tempos langweilig zu machen, ist schon eine Kunst (speziell, wenn zwei der vier Autoren John Baskin und Roger Shulman sind, die immerhin den charmanten Krimispaß "Die Fälle des Harry Fox" erfanden). Ich denke, der Haupthämekübel muss über Regisseur Swirnoff ausgeschüttet werden, dem einfach das notwendige komödiantische Timing fehlt; er hat einfach kein Gespür für das korrekte Set-up eines Gags, kommt praktisch nie auf die Idee, einen Sketch mal durch ein paar Hintergrund-Sight-Gags aufzuwerten - zu seiner Ehrenrettung muss man allerdings auch sagen, dass er kaum wirklich gute Schauspieler zur Verfügung hat (klar, find' mal wirklich gute Leute, die bereit sind, in einem Independent-Sketchfilm 'ne 30-Sekunden-Rolle zu absolvieren); selbst die "namhaften" Akteure stehen entweder am Anfang ihrer Karriere oder wie der ewige "Jeopardy"-Moderator Art Fleming eben am Ende derselben... überrascht war ich lediglich über die hohe Frequenz sexueller Anzüglichkeiten inklusive nackter Tatsachen. Aber das an sich ist halt auch nicht komisch.

Der spätere A-Listen-Kameramann Matthew F. Leonetti ("Star Trek: Der erste Kontakt", "Dawn of the Dead", "Rush Hour 2") deutet sein Talent keinesfalls an; der Film ist erschreckend statisch (was auf den ersten Blick nicht auffällt, weil die einzelnen Segmente kurz genug sind, um diesen Umstand zu kaschieren). Die Ausstattung ist billig und einfallslos (bis auf den zum Finale ejakulierenden Riesenpenis, der beim "sexual deviation"-Telethon die Spendensumme anzeigt), die Kostüme meist langweilig (der beste Kostümeinfall ist ein Generals-Pyjama mit Ordensspange), selbst die Texteinblendungen sind graphisch uninteressant - der Film gibt sich einfach keine Mühe, hinkuckenswert zu sein, und da seine Dialoge und Witze nicht mal halb so spritzig sind wie sich die Autoren das vielleicht dachten, ist das einzige, was den Zuschauer davon abhält, sich gewinnbringenderen Tätigkeiten wie Staubsaugen oder Fensterputzen zuzuwenden, die stetige Hoffnung, der nächste Sketch könnte wider besseres Wissen und entgegen jeglicher Erwartung vielleicht tatsächlich ansatzweise lustig sein. Lustig zu sein versucht übrigens auch - ebenso vergeblich - der Score von Ken Lauber (dessen größte Tat in diesem Film ein seriös-praktikables Arrangement des oft gecoverten Tim-Hardin-Folk-Klassikers "If I were a Carpenter" sein dürfte. Klar, dass die fast komplett ausgespielte Nummer für einen völlig unlustigen "Gag" verschenkt wird [im Filmkontext singen Maria und Josef das Lied und Gott mischt sich im letzten Chorus ein und stellt klar, dass das besungene potentielle Baby immer noch seins sein wird. Boah, wie lustisch]).

Der Cast selbst ist absolut forgettable - selbst künftige Größen wie Harry Shearer (der hier einen Autofahrer darstellt, der von einem Trucker mitgenommen wird und erkennen muss, dass der Trucker ihn ungeachtet des Geschlechts zu vögeln gedenkt. Ha-frickin'-ha), Stephen Furst ("Babylon 5", als fetter Kartenspieler in der "Charlie"-Parodie), Joanne Cassidy (Ghosts of Mars, "Six Feet Under", "The Grudge 2") oder Fred Dryer deuten nicht an, dass aus ihnen noch was werden könnte, Warren Oates ("Das fliegende Auge", "Two-Lane Blacktop", "Urlaub in der Hölle"), der zeitgenössisch wahrscheinlich größte Star des Films, hat nicht wirklich etwas lustiges zu spielen (an seinem Sketch ist das Szenario ganz nett, aber das hätte auch ein dressierter Affe spielen können); der überwiegende Teil des Ensembles wäre nicht lustig, wenn die hundert größten Humoristen der Weltgeschichte in konzertierter Aktion speziell auf sie zugeschneiderte Gags erfinden würden, weil's einfach talentfreie Nasenbären sind.

Bildqualität: Der Mill-Creek-Print kommt in Vollbild daher, was nicht ganz das intendierte Format sein dürfte (es fehlen an den Rändern schmale Streifen), der Print selbst ist von mittelmäßiger, aber noch ansehbarer Güte - zwar nicht sonderlich scharf und mit der ein oder anderen Verschmutzung versehen, aber noch recht "farbecht" und mit annehmbarem Kontrast.

Tonqualität: Insgesamt ist der englische Ton ein wenig dumpf, aber noch passabel verständlich. Da hatten wir in der Box auch schon schlimmeres.

Extras: -

Fazit: "American Raspberry" gehört zu der Sorte Film, bei der man sich ehrlich fragt, warum sie überhaupt mal gemacht wurden. Ich sehe schlicht und ergreifend keinen "Punkt"; das Ding ist nicht wirklich satirisch, bis auf die "Engel für Charlie"-Geschichte nicht explizit parodistisch, die Rahmenhandlung und ihre Auflösung bleiben komplett unverständlich und von ungefähr 100 angestrebten Gags funktionieren maximal zwei. Das ist alles ein wenig mager von der Scriptseite her, und weder Swirnoffs träge Regie noch die einfallslose Ausstattung noch die entweder lustlosen oder überforderten Darsteller können auch nur ansatzweise davon ablenken, dass "American Raspberry" insgesamt einfach nicht lustig ist. Und dass unlustige Komödien das trostloseste sind, was sich uns an schlechtem Film vorstellen kann, darüber sind wir uns ja wohl einige. Nicht mal für den einen wirklich fies-lustigen Gag kann ich eine zweite DVD rechtfertigen...

Bild:Dvd1.jpg

Legende: 1 DVD = Schrott, unbedingt vermeiden / 2 = unterdurchschnittlich / 3 = durchschnittlich / 4 = sehenswert / 5 = Meilenstein, sofort kaufen/reingehen

(c) 2009 Dr. Acula

PROJEKT 300-Zwischenstand: 193 down, 107 to go.